Über die Anerkennung für den Pflegeberuf in Corona-Zeiten

Prof. Dr. Ingeborg Eberl ist an der KU Professorin für Pflegewissenschaft an der. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit der Gesundheitspflege in Familien, aber auch mit der Bedeutung der Epidemiologie für die Pflege. In der aktuellen Folge des Corona-Forums - einer gemeinsamen Reihe der KU mit dem Donaukurier - geht sie auf die Frage aus der Leserschaft ein, wie viele Corona-Patienten auf die Intensivstation verlegt werden müssen.
Frau Eberl, Sie sind nicht nur an der Katholischen Universität tätig, sondern auch an einem Klinikum in München. Wie sah der Klinikalltag in den vergangenen Wochen aus?

Momentan ist der Alltag in der Klinik stabil. Die Umstellung fand für uns vor den Ausgangsbeschränkungen statt – nachdem klar wurde, dass wir die Anzahl der verfügbaren Intensivbetten extrem schnell aufstocken müssen. Wir haben die Stationen dann zu Covid-Stationen umgebaut und mit zusätzlichen Beatmungsmaschinen ausgerüstet. Die Intensivkapazitäten konnten dadurch mehr als verdoppelt werden. Mit der Ausgangsbeschränkung kam die Zugangsbeschränkung zu den Kliniken. Das war ein wirklicher Einschnitt. Geplante Operationen wurden sofort abgesagt oder stark reduziert. In die Klinik durften nur noch sehr wenige Personen hinein – etwa zu den Menschen, die im Sterben lagen. 

Eine Leserin fragt, wie viele Erkrankte mit schwerem Krankheitsverlauf auf die Intensivstation verlegt werden mussten?
Ungefähr ein Drittel der Patienten, die in der Klinik stationär behandelt wurden. Der Krankheitsverlauf war teilweise sehr heftig. Natürlich kennen wir Lungenversagen aus anderen Situationen. Das Ausmaß, in dem die Lunge befallen war, war aber schwerwiegender. Daher war die Tendenz da, schneller zu intubieren, um die Lunge zu unterstützen. Bei einem schwerwiegenden Ausfall der Lunge wurden die Patienten über längere Zeit in Bauchlage gelagert, teilweise auch über mehrere Wochen beatmet. Letztendlich ging es um das Überleben mit höchstmöglicher Therapie.  
Wie haben alle Beteiligten die Situation erlebt?
In den ersten Wochen waren die Sorgen groß. Vor allem wegen der Berichte aus Italien und Spanien. Aufgrund der extremen Zahlen schlug die Unsicherheit gelegentlich auch in Angst um. Man wusste nicht: Steckt man sich an? Was ist, wenn viele Patienten kommen? Können wir das stemmen? Von Beginn an begleiteten daher Psychologen und Seelsorger die Arbeit. Auch für die Mediziner war es eine extreme Belastung, nicht zu wissen, wie die Krankheit verläuft. In einer solchen Situation ist es besonders herausfordernd, trotz der hohen Anspannung, Ruhe zu bewahren. Die eigenen Befürchtungen gegenüber den Patienten nicht durchkommen zu lassen, Ängste aber gemeinsam zu besprechen. Hier zeigt sich, was eine gute Führungs- und Teamkultur ausmacht.
Wie hat sich die Pflege während dieser Zeit verändert?
Alle, die mit den Patienten arbeiten, müssen Schutzkleidung tragen. Im Fernsehen waren die Bilder aus den Intensivstationen ja zu sehen. In extremer Vermummung zu arbeiten, ist aber sehr anstrengend. Wir haben uns schnell angewöhnt, viel über die Augen zu kommunizieren. Durch das aufwendige An- und Auskleiden sind kurze Pausen nicht möglich, da wir die Isolationszimmer nicht einfach verlassen können. Sehr beschäftigt hat uns auch, dass die herkömmliche Versorgung reduziert werden musste. Chronisch Kranke müssen aber weiterhin versorgt werden. Und natürlich werden auch Patienten mit einer akuten Erkrankung wie Herzinfarkt oder Schlaganfall eingeliefert. Da bestand und besteht immer noch die Sorge, dass diese nicht oder zu spät zum Arzt oder in die Notaufnahmen gehen und nicht angemessen versorgt sein könnten.
Es war immer wieder zu hören, dass nicht genügend Pflegepersonal verfügbar ist?
Ja, die vergangenen Monate haben sehr deutlich gezeigt, woran wir in unserem Gesundheitssystem arbeiten müssen. Entscheidend ist die Personalfrage. Zu Beginn der Krise konnten wir zum Beispiel Medizinstudierende anwerben. Nach einer kurzen Qualifikationsphase konnte diese unterstützend mitarbeiten. Aber natürlich können wir dadurch keine qualifizierten Pflegefachpersonen ersetzen. Schon gar nicht in spezialisierten Bereichen wie Onkologie oder auf Intensivstationen. Hier absolvieren die Pflegenden nach ihrer Ausbildung zusätzlich noch eine zweijährige Fachweiterbildung. Die Corona-Pandemie hat uns daher noch einmal vor Augen geführt, dass es nicht ausreicht, die Köpfe zu zählen. Wir benötigen gut ausgebildetes Personal. Das wussten wir schon vorher. Und das wird auch nach der Krise nicht anders sein.
Aktuell wird öffentlich diskutiert, wie „systemrelevante Berufe“ mehr Anerkennung erfahren können. Sind Bonus-Zahlungen der richtige Weg?
Fachberufe in Medizin, Pflege oder Physiotherapie sind wesentlich für die Gesundheitsversorgung. Wir alle haben einen gesellschaftlichen Auftrag. Ob man das „systemrelevant“ nennen muss? Entscheidend ist: Für eine angemessene Gesundheitsversorgung braucht es langfristig andere Anreize – und nicht nur, wie für die Pflegepersonen, einen Bonus während der Pandemie. Wir müssen junge Menschen gewinnen, die eine Ausbildung oder ein Pflegestudium angehen wollen. Die dies als einen interessanten und sicheren Beruf ansehen. Sie müssen wissen, dass ihre Arbeit honoriert wird. Und die Einrichtungen müssen dafür sorgen, ihre Mitarbeiter zu binden. Zeit- und Personalnot dürfen da nicht die Versorgung bestimmen. Wenn Pflegepersonen für zu viele Patienten oder Bewohner und ihre Angehörigen zuständig sind, können sie diese nicht entsprechend ihres beruflichen und ethischen Selbstverständnisses versorgen.
Was muss sich künftig ändern?
Gesundheitspolitik sowie Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen müssen gemeinsam bessere Rahmenbedingungen schaffen. Wir dürfen aber nicht nur auf die Einrichtungen schauen. Gerade jetzt müssen wir uns auch fragen: Was geschieht in Familiensystemen, in denen die Situation schon vorher schwierig war? Wie können wir an Familien herankommen, die eine Begleitung benötigen? Es ist wichtig, diese aufsuchende Arbeit zu leisten, bevor etwas geschieht. Wir wissen aber auch, dass Familien mit pflegebedürftigen Mitbewohnern schwierig zu erreichen sind. Pflege ist ein Tabuthema. Neuere Ansätze wie „Familiy Health Nurse“ oder „Community Health Nurse“ können hier helfen, die Gesundheitsversorgung und die Vorsorge in Familie oder Gemeinde zu stärken.
Noch ein Blick in die Zukunft: Wird sich die Situation in den Kliniken weiter normalisieren?
Der Übergang in die Normalität erfolgt derzeit sehr behutsam: Wir versuchen, dort anzuknüpfen, wo wir zuvor abrupt aufhören mussten. Die Stationen werden langsam zurückgebaut. Abgesagte Operationen werden wieder durchgeführt. Natürlich besteht die Hoffnung, dass die Zahlen weiter stabil zurückgehen. Die Normalisierung ist aber sehr fragil. Daher bleiben wir auch in Vorbereitung. Wir müssen gerüstet sein, falls eine zweite Infektionswelle kommt. Das wird davon abhängen, ob sich die Leute weiterhin an die Vorsichtsmaßnahmen halten. Manche protestieren dagegen, als brauche es diese nicht. Das halte ich für sehr gefährlich.
Prof. Dr. Ingeborg Eberl
Prof. Dr. Ingeborg Eberl

Professorin für Pflegewissenschaft

Das Gespräch führte Thomas Metten.
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