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Wie man mit Unsicherheiten umgeht

Prof. Dr. Joost van Loon, Inhaber des Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie, geht im Rahmen des Corona-Forums auf die Frage ein, wie wir aktuell mit Unsicherheiten umgehen u…

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Information und Aufklärung sind entscheidend: Pandemien aus historischer Perspektive

Information und Aufklärung sind entscheidend: Pandemien aus historischer Perspektive

Im Rahmen des Corona-Forums - einer gemeinsamen Reihe von KU und Donaukurier - beantworten Expertinnen und Experten der Katholischen Universität Fragen aus der Leserschaft. Diesmal berichtet die Geschichtswissenschaftlerin Christiane Hoth über Corona und frühere Pandemien.
Die aktuelle Corona-Pandemie ist nicht die erste, weltweit grassierende Pandemie. Lässt sich der aktuelle Ausbruch mit früheren Pandemien vergleichen?
Zunächst stellt sich die Frage: Was genau wollen wir vergleichen? Das aktuelle Virus mit einem früheren Virus, die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie oder die Opferzahlen? Es ist zu früh, um das Corona-Virus historisch einordnen zu können. Erinnern möchte aber an die Spanische Grippe, die von 1918 bis 1920 in drei Wellen um die Welt ging. Ihre Bezeichnung erhielt sie, da das neutrale Spanien während des Ersten Weltkrieges als einziges Land darüber berichtete. Vor einhundert Jahren geschah dies über die lokale Presse. Aus strategischen Gründen wurde die rasante Ausbreitung der Grippe in den meisten Ländern jedoch verschwiegen. Dennoch zeigt sich: Damals wie heute sind Information und Aufklärung entscheidend.
Die spanische Grippe hat vermutlich bis zu 50 Millionen Tote gefordert. Wie wirkte sich die Grippe in der Weimarer Republik aus?
Zu Beginn fiel die Spanische Grippe noch in die Zeit des Deutschen Kaiserreichs. Da die Verwaltung während der letzten Monate des Ersten Weltkriegs nicht mehr richtig funktionierte, liegen uns dazu allerdings keine verlässlichen Zahlen vor. Nach Ausrufung der Weimarer Republik im November 1918 ändert sich die Situation. Der Ausbau des öffentlichen Gesundheits- und Sanitätswesens wird forciert. Wichtige Meilensteine der Entstehung der modernen „Schulmedizin“ und die Hygiene-Ausstellungen in Dresden fallen in diese Zeit. Schon damals wurde die Spanische Grippe jedoch als ein Problem wahrgenommen, das nur global zu lösen ist.

Impfkampagne in einer indigenen Gemeinde bei Quinchilca, Südchile

Die Fotografie vom Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt eine Impfkampagne in einer indigenen Gemeinde bei Quinchilca, Südchile. Das Bild stammt vermutlich aus dem Jahr 1919. Zu sehen sind der Gouverneur von Río Bueno, der Kapuzinermissionar Pater Albuin (Mitte sitzend, von links) sowie kniend der ‚vacunador‘, der die Kinder impft. Rechts im Bild zu sehen ist ein Polizeibeamter. (Quelle: Archiv der Deutschen Kapuzinerprovinz St. Magdalena Altötting, Fotografische Sammlung Chile-Mission: 11. Album, o.S.)

Wurden Menschen denn auch zu früheren Pandemien in Quarantäne isoliert?
Ja, die Quarantäne hat eine lange Tradition. Schon die Römer kannten sie. Unsere heutige Bezeichnung leitet sich allerdings von dem italienischen Wort „quaranta“ ab, was 40 bedeutet. Ab dem 14. Jahrhundert wurde in den Hafenstädten des Mittelmeerraumes eine vierzigtägige Quarantäne für Schiffe verhängt, um sich vor der Pest zu schützen. Besatzung, Tiere und Waren durften die Schiffe erst nach Ablauf dieser Frist verlassen. Auch das Abwägen zwischen wirtschaftlichen Interessen und Gesundheitsfürsorge ist nicht neu. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert zwangen etwa sechs Cholera-Epidemien die Entscheidungsträger der Stadt Triest dazu, immer wieder eine Balance zwischen den unterschiedlichen Interessen zu finden.
Sie befinden sich aktuell zu einem Forschungsaufenthalt in Lateinamerika. Mit der Entdeckung der „Neuen Welt“ wurden auch dort neue Krankheiten eingeschleppt. Welche Folgen hatte das für die lokale Bevölkerung?
Die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492 und ihre Folgen sind aus medizinhistorischer Sicht hochspannend. So lässt sich die Übermacht der spanischen Eroberer unter Hernan Cortés im heutigen Mexiko eigentlich nur dadurch erklären, dass die zahlenmäßig unterlegenen Spanier 1518 ein ganzes Arsenal an unsichtbaren Krankheitserregern einschleppten. Innerhalb kurzer Zeit erkrankten tausende Indigene an Pocken, Masern oder Syphilis. Über 90 Prozent der einheimischen Bevölkerung kamen innerhalb von nur einhundert Jahren ums Leben.
Aktuell wird unter hohem Zeitdruck an einem Impfstoff gearbeitet. Welche Rolle spielt das Impfen in der Geschichte der Pandemien?
Gerade für die jüngere Geschichte der Pocken ist das Impfen sehr wichtig. Ende des 18. Jahrhunderts stellte der englische Arzt Edward Jenner fest, dass Menschen, die sich mit den Kuhpocken infiziert hatten, später immun gegen echte Pocken waren. Die Beobachtungen aus dem Kuhstall führten zur ersten Impfung. Die Flüssigkeit aus den Pockenbläschen wurde dazu in die Haut von Kindern eingeritzt. Das Wort „Vakzination“ für „Impfung“ verweist noch heute auf das lateinische oder spanische Wort für Kuh – „vacca“ oder „vaca“. 1807 erließ König Maximilian I. von Bayern dann das weltweit erste Impfgesetz. In meiner eigenen Arbeit beschäftige ich mich mit medizinischen Praktiken im Süden Chiles Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Dort war es in erster Linie jedoch nicht der Staat, der die indigene Bevölkerung der Mapucha impfen ließ, sondern bayerische Kapuzinermissionare, die in Eichstätt und Altötting ausgebildet wurden.
Lässt sich die Geschichte von Krankheiten denn sinnvoll aus einer globalen Perspektive schreiben? Sind die Regionen nicht zu unterschiedlich?
Natürlich sind die Regionen sehr unterschiedlich. Über eine globale Geschichte wird in der Geschichtswissenschaft jedoch schon lange intensiv diskutiert. Globalhistoriker fragen vor allem nach den weltweiten Verflechtungen zwischen verschiedenen Regionen. Natürlich setzt dies spezifische Kenntnisse der jeweiligen Regionen voraus. Gerade anhand einer Epidemie, die zur Pandemie wird, lassen sich die globalen Entwicklungen jedoch sehr gut darstellen – etwa, wenn sich Wissenschaftler in Folge der Ausbreitung des Virus in kurzer Zeit weltweit vernetzten.
Zuletzt wurde öffentlich über die Rolle der Weltgesundheitsorganisation (WHO) diskutiert. Waren die Pandemien für die Entstehung der WHO von Bedeutung?
Für die Entstehung der Weltgesundheitsorganisation sind die Erfahrungen der vergangenen beiden Jahrhunderte entscheidend. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entsteht die Bakteriologie, später ab den 1920er Jahren die Virologie, über die aktuell viel berichtet wird. Ausgangspunkt für die Entstehung war die Spanische Grippe. Die Entdeckung des Grippevirus wurde erst in den 1930er Jahren durch die aufkommende Elektronenmikroskopie möglich. In den 1940er Jahren folgten dann erste Grippeimpfungen in den USA. Auf politischer Ebene haben vor allem die beiden Weltkriege zur Gründung der WHO 1948 geführt. Die Bekämpfung von Pandemien hat also auch institutionell eine lange Geschichte.
Christiane Hoth
Christiane Hoth

Doktorandin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Derzeit befindet Sie sich zu einem Forschungsaufenthalt in Kolumbien. In ihrer eigenen Forschung beschäftig sie sich mit der Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert sowie insbesondere mit Wissenschafts- und Medizingeschichte.

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Von der Corona-Krise zur nachhaltigen Entwicklung

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Wie man mit Unsicherheiten umgeht

Prof. Dr. Joost van Loon, Inhaber des Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie, geht im Rahmen des Corona-Forums auf die Frage ein, wie wir aktuell mit Unsicherheiten umgehen u…

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Wissen der Praxis ernst nehmen

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Wie man mit Unsicherheiten umgeht

Wie man mit Unsicherheiten umgeht

Prof. Dr. Joost van Loon, Inhaber des Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie, geht im Rahmen des Corona-Forums auf die Frage ein, wie wir aktuell mit Unsicherheiten umgehen und welchen Aussagen wir in der Corona-Krise vertrauen können. Die Reihe ist ein Gemeinschaftsprojekt von KU und Donaukurier.
Herr van Loon, viele Menschen sind verunsichert, da unklar ist, wie die Corona-Pandemie weiter verlaufen wird. Wie können wir mit diesen Unsicherheiten umgehen?
Zunächst einmal ist es vollkommen normal, dass in einer Pandemie, die durch ein neues Virus ausgelöst wird, Unsicherheiten entstehen. Die Bundesregierung hat aber sehr früh den Schutz der Schwächsten ins Zentrum gestellt. Von dieser Entscheidung konnte vieles abgeleitet werden. Zwar ist es richtig, auch politische Entscheidungen zu hinterfragen – doch ist das Ziel, die Schwächsten zu schützen, sehr gut nachvollziehbar. Daran lässt sich nicht viel kritisieren. In Großbritannien oder in den USA waren die politischen Vertreter weitaus weniger entschieden. Das hatte fatale Konsequenzen, wie wir an den Sterberaten erkennen können.
Sie befinden sich aktuell in den Niederlanden. Wie ist dort die Situation?
Auch in den Niederlanden hat man lange gezögert. Unklar war, wie weit man bei den Einschränkungen gehen sollte. Die Prioritäten wurden nicht klar kommuniziert. Da war es schon zu spät. Die Infektionsrate und die Sterberate sind deutlich höher als in Deutschland. Das ist keine Bösartigkeit, die entscheidenden Personen haben nur nicht schnell genug gehandelt. Zögern hat in einer Pandemie fatale Folgen.
Die Unsicherheiten führen dazu, dass vermehrt Kritik an der Wissenschaft geäußert wird. Das Vertrauen in die Forschung scheint zu schwinden.
Wissenschaft beschäftigt sich mit Unsicherheiten, das ist ein unverzichtbarer Teil von ihr. In der Öffentlichkeit entsteht hingegen der Eindruck, dass Forscherinnen und Forscher auf alles eine Antwort haben müssen. Das ist nicht richtig. Unbestimmtheiten, wie wir sie in der Corona-Krise erleben, sollten nicht verheimlicht werden. Wir haben es stets nur mit Wahrscheinlichkeiten zu tun. Daraus resultieren Risiken, die öffentlich angemessen vermittelt werden müssen. Zugleich müssen wir der Wissenschaft zutrauen, dass sie mit einer solchen Krise umgehen kann. Wenn das Vertrauen schwindet, wächst der Raum für Spekulationen.
Hat die Wissenschaft also eher ein Kommunikationsproblem?
Auch Forschende dürfen in der Öffentlichkeit unterschiedliche Meinungen vertreten. Ein aktuelles Beispiel: Einige Virologen gehen davon aus, dass Kinder das Coronavirus weniger häufig übertragen, da sie weniger Symptome aufweisen. Andere nehmen an, dass sie genauso infektiös sind. Zum jetzigen Zeitpunkt können beide Recht haben. Doch wie geht man damit um, wenn es keine eindeutige Antwort gibt?
Müssen wir lernen, solche Unsicherheiten auszuhalten?
Ja, wir können das nur hinnehmen. Es ist einfach so, dass es viele negative Corona-Tests gibt, obwohl die Personen erkrankt sind. Offensichtlich sind die Tests falsch. Es gibt aber auch positive Tests, obwohl die Personen keinerlei Symptome aufweisen. Wir haben einfach noch zu wenig Erfahrung mit Covid-19. Solange wir keine Sicherheit haben, müssen wir sehr vorsichtig sein.
Die Medienlandschaft hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr verändert. Hat das Auswirkungen darauf, wie wir die Pandemie wahrnehmen?
Ja, heute gibt es durch die sozialen Medien wesentlich mehr Informationsquellen als zuvor, die auch wechselseitig aufeinander verweisen. Dadurch können abwegige oder falsche Aussagen den Eindruck erwecken, dass sie wahr sind. Letztlich handelt es sich aber nur um Querverweise, die nur in bestimmten, sehr eng begrenzten Medienbereichen geteilt werden. Wer Nachrichten ausschließlich in den sozialen Medien rezipiert, kann den Wahrheitsgehalt von Aussagen daher kaum kontrollieren. Das ist die Basis, auf der – wie wir aktuell erleben – Verschwörungstheorien entstehen können.
Bieten journalistische Angebote wie Tageszeitungen eine gute Alternative?
Leider sind die Redaktionen von Tageszeitungen heute finanziell stärker eingeschränkt. Redakteure haben weniger Zeit für umfängliche Recherchen. Informationsquellen können weniger genau überprüft werden. Der herrschende Termindruck führt dazu, dass Meldungen gelegentlich unkritisch übernommen werden. Meist sind die Inhalte korrekt, doch können auch Fehler entstehen. Etwa durch manipulierte Daten. Dadurch ist der klassische Journalismus anfälliger geworden.
Wo liegen die Ursachen für die Herausforderungen, die wir aktuell erleben?
Unsere Gesellschaft hat sich stark verändert. Die Handlungsspielräume sind heute geringer als zuvor. In der Wirtschaft etwa wird kurzfristiger produziert. „Just in time“ – wie die Ökonomen sagen. Daraus resultiert ein Rückgang der Flexibilität. Wenn die Reserven kleiner werden, schwinden die Möglichkeiten, unvorhergesehene Ereignisse abzufangen. Die Schwächen dieser Entwicklungen werden nun sichtbar. Es fehlt an Unabhängigkeit. Es fehlen Interventionsmöglichkeiten. Der Soziologe Ulrich Beck hat daher schon in den 1980er Jahren von einer Risikogesellschaft gesprochen. Widersprüchlich an der Entwicklung ist, dass wir mehr und mehr versuchen, rational und effizient mit Risiken umzugehen. Oftmals führt aber gerade das zur Entstehung neuer Risiken.
Gilt die Diagnose „Risikogesellschaft“ noch heute?
Ulrich Becks Diagnose trifft in Teilen noch zu. Gewisse Entwicklungen wie die globale Finanzpolitik oder die sozialen Medien hat er aber nicht vorhergesehen. Heute leben wir eher in einer „postfaktischen Gesellschaft“. Das bedeutet: Der Unterschied zwischen gefühlten Wahrheiten und tatsächlicher Erkenntnis verschwimmt. Das müssen wir zurückdrehen. Wir brauchen einen kritischen Journalismus, eine vierte Macht im Staat, die nicht vom Markt abhängig ist. Und wir benötigen eine starke und unabhängige Grundlagenforschung. Das sind die besten Waffen gegen Misstrauen und Verschwörungstheorien – und die beste Voraussetzung für einen Umgang mit Krisen wie der Corona-Pandemie.
Wie lässt sich die Situation denn künftig besser gestalten?
Deutschland steht im Vergleich mit anderen Ländern sehr gut da. Trotz der hohen Zahl der Infizierten sind die Sterbezahlen gering. Zwar sind die Krankenhäuser schwer belastet, aber nicht überlastet. Die überwiegende Mehrheit akzeptiert die Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Ich bin sehr froh, dass wir keine Situation wie in den USA erleben, wo Menschen Institutionen stürmen, weil sie zum Friseur wollen. Man sollte daher weniger an der Panik-Schraube drehen und sachlich bleiben. Zudem müssen wir lernen, wie wir in der Nach-Corona-Zeit Wirtschaft und Gesellschaft wiederaufbauen können. Der Staat sollte eine führende Rolle einnehme – zum Beispiel durch eine bedürfnisorientierte Wirtschaftspolitik. Kleinen und mittleren Unternehmen sollte unbedingt geholfen werden. Sie werden beim Wiederaufbau Wichtiges leisten. Auch gesetzliche Änderungen werden notwendig sein, um ungünstige Entwicklungen zu revidieren.
Prof. Dr. Joost van Loon
Prof. Dr. Joost van Loon

Professor für allgemeine Soziologie und soziologische Theorie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Fragen der Gesundheits-kommunikation sowie des gesellschaftlichen Umgangs mit Risiken.

Das Gespräch führte Thomas Metten, Mitarbeiter des Projektes „Mensch in Bewegung“

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Information und Aufklärung sind entscheidend: Pandemien aus historischer Perspektive

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Von der Corona-Krise zur nachhaltigen Entwicklung

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Die Verschönerung des Schrecklichen

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Über die Anerkennung für den Pflegeberuf in Corona-Zeiten

Prof. Dr. Ingeborg Eberl ist an der KU Professorin für Pflegewissenschaft an der. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit der Gesundheitspflege in Familien, aber auch mit der Bede…

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Über die Anerkennung für den Pflegeberuf in Corona-Zeiten

Über die Anerkennung für den Pflegeberuf in Corona-Zeiten

Prof. Dr. Ingeborg Eberl ist an der KU Professorin für Pflegewissenschaft an der. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit der Gesundheitspflege in Familien, aber auch mit der Bedeutung der Epidemiologie für die Pflege. In der aktuellen Folge des Corona-Forums - einer gemeinsamen Reihe der KU mit dem Donaukurier - geht sie auf die Frage aus der Leserschaft ein, wie viele Corona-Patienten auf die Intensivstation verlegt werden müssen.
Frau Eberl, Sie sind nicht nur an der Katholischen Universität tätig, sondern auch an einem Klinikum in München. Wie sah der Klinikalltag in den vergangenen Wochen aus?

Momentan ist der Alltag in der Klinik stabil. Die Umstellung fand für uns vor den Ausgangsbeschränkungen statt – nachdem klar wurde, dass wir die Anzahl der verfügbaren Intensivbetten extrem schnell aufstocken müssen. Wir haben die Stationen dann zu Covid-Stationen umgebaut und mit zusätzlichen Beatmungsmaschinen ausgerüstet. Die Intensivkapazitäten konnten dadurch mehr als verdoppelt werden. Mit der Ausgangsbeschränkung kam die Zugangsbeschränkung zu den Kliniken. Das war ein wirklicher Einschnitt. Geplante Operationen wurden sofort abgesagt oder stark reduziert. In die Klinik durften nur noch sehr wenige Personen hinein – etwa zu den Menschen, die im Sterben lagen. 

Eine Leserin fragt, wie viele Erkrankte mit schwerem Krankheitsverlauf auf die Intensivstation verlegt werden mussten?
Ungefähr ein Drittel der Patienten, die in der Klinik stationär behandelt wurden. Der Krankheitsverlauf war teilweise sehr heftig. Natürlich kennen wir Lungenversagen aus anderen Situationen. Das Ausmaß, in dem die Lunge befallen war, war aber schwerwiegender. Daher war die Tendenz da, schneller zu intubieren, um die Lunge zu unterstützen. Bei einem schwerwiegenden Ausfall der Lunge wurden die Patienten über längere Zeit in Bauchlage gelagert, teilweise auch über mehrere Wochen beatmet. Letztendlich ging es um das Überleben mit höchstmöglicher Therapie.  
Wie haben alle Beteiligten die Situation erlebt?
In den ersten Wochen waren die Sorgen groß. Vor allem wegen der Berichte aus Italien und Spanien. Aufgrund der extremen Zahlen schlug die Unsicherheit gelegentlich auch in Angst um. Man wusste nicht: Steckt man sich an? Was ist, wenn viele Patienten kommen? Können wir das stemmen? Von Beginn an begleiteten daher Psychologen und Seelsorger die Arbeit. Auch für die Mediziner war es eine extreme Belastung, nicht zu wissen, wie die Krankheit verläuft. In einer solchen Situation ist es besonders herausfordernd, trotz der hohen Anspannung, Ruhe zu bewahren. Die eigenen Befürchtungen gegenüber den Patienten nicht durchkommen zu lassen, Ängste aber gemeinsam zu besprechen. Hier zeigt sich, was eine gute Führungs- und Teamkultur ausmacht.
Wie hat sich die Pflege während dieser Zeit verändert?
Alle, die mit den Patienten arbeiten, müssen Schutzkleidung tragen. Im Fernsehen waren die Bilder aus den Intensivstationen ja zu sehen. In extremer Vermummung zu arbeiten, ist aber sehr anstrengend. Wir haben uns schnell angewöhnt, viel über die Augen zu kommunizieren. Durch das aufwendige An- und Auskleiden sind kurze Pausen nicht möglich, da wir die Isolationszimmer nicht einfach verlassen können. Sehr beschäftigt hat uns auch, dass die herkömmliche Versorgung reduziert werden musste. Chronisch Kranke müssen aber weiterhin versorgt werden. Und natürlich werden auch Patienten mit einer akuten Erkrankung wie Herzinfarkt oder Schlaganfall eingeliefert. Da bestand und besteht immer noch die Sorge, dass diese nicht oder zu spät zum Arzt oder in die Notaufnahmen gehen und nicht angemessen versorgt sein könnten.
Es war immer wieder zu hören, dass nicht genügend Pflegepersonal verfügbar ist?
Ja, die vergangenen Monate haben sehr deutlich gezeigt, woran wir in unserem Gesundheitssystem arbeiten müssen. Entscheidend ist die Personalfrage. Zu Beginn der Krise konnten wir zum Beispiel Medizinstudierende anwerben. Nach einer kurzen Qualifikationsphase konnte diese unterstützend mitarbeiten. Aber natürlich können wir dadurch keine qualifizierten Pflegefachpersonen ersetzen. Schon gar nicht in spezialisierten Bereichen wie Onkologie oder auf Intensivstationen. Hier absolvieren die Pflegenden nach ihrer Ausbildung zusätzlich noch eine zweijährige Fachweiterbildung. Die Corona-Pandemie hat uns daher noch einmal vor Augen geführt, dass es nicht ausreicht, die Köpfe zu zählen. Wir benötigen gut ausgebildetes Personal. Das wussten wir schon vorher. Und das wird auch nach der Krise nicht anders sein.
Aktuell wird öffentlich diskutiert, wie „systemrelevante Berufe“ mehr Anerkennung erfahren können. Sind Bonus-Zahlungen der richtige Weg?
Fachberufe in Medizin, Pflege oder Physiotherapie sind wesentlich für die Gesundheitsversorgung. Wir alle haben einen gesellschaftlichen Auftrag. Ob man das „systemrelevant“ nennen muss? Entscheidend ist: Für eine angemessene Gesundheitsversorgung braucht es langfristig andere Anreize – und nicht nur, wie für die Pflegepersonen, einen Bonus während der Pandemie. Wir müssen junge Menschen gewinnen, die eine Ausbildung oder ein Pflegestudium angehen wollen. Die dies als einen interessanten und sicheren Beruf ansehen. Sie müssen wissen, dass ihre Arbeit honoriert wird. Und die Einrichtungen müssen dafür sorgen, ihre Mitarbeiter zu binden. Zeit- und Personalnot dürfen da nicht die Versorgung bestimmen. Wenn Pflegepersonen für zu viele Patienten oder Bewohner und ihre Angehörigen zuständig sind, können sie diese nicht entsprechend ihres beruflichen und ethischen Selbstverständnisses versorgen.
Was muss sich künftig ändern?
Gesundheitspolitik sowie Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen müssen gemeinsam bessere Rahmenbedingungen schaffen. Wir dürfen aber nicht nur auf die Einrichtungen schauen. Gerade jetzt müssen wir uns auch fragen: Was geschieht in Familiensystemen, in denen die Situation schon vorher schwierig war? Wie können wir an Familien herankommen, die eine Begleitung benötigen? Es ist wichtig, diese aufsuchende Arbeit zu leisten, bevor etwas geschieht. Wir wissen aber auch, dass Familien mit pflegebedürftigen Mitbewohnern schwierig zu erreichen sind. Pflege ist ein Tabuthema. Neuere Ansätze wie „Familiy Health Nurse“ oder „Community Health Nurse“ können hier helfen, die Gesundheitsversorgung und die Vorsorge in Familie oder Gemeinde zu stärken.
Noch ein Blick in die Zukunft: Wird sich die Situation in den Kliniken weiter normalisieren?
Der Übergang in die Normalität erfolgt derzeit sehr behutsam: Wir versuchen, dort anzuknüpfen, wo wir zuvor abrupt aufhören mussten. Die Stationen werden langsam zurückgebaut. Abgesagte Operationen werden wieder durchgeführt. Natürlich besteht die Hoffnung, dass die Zahlen weiter stabil zurückgehen. Die Normalisierung ist aber sehr fragil. Daher bleiben wir auch in Vorbereitung. Wir müssen gerüstet sein, falls eine zweite Infektionswelle kommt. Das wird davon abhängen, ob sich die Leute weiterhin an die Vorsichtsmaßnahmen halten. Manche protestieren dagegen, als brauche es diese nicht. Das halte ich für sehr gefährlich.
Prof. Dr. Ingeborg Eberl
Prof. Dr. Ingeborg Eberl

Professorin für Pflegewissenschaft

Das Gespräch führte Thomas Metten.
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Die Verschönerung des Schrecklichen

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Von der Corona-Krise zur nachhaltigen Entwicklung

Von der Corona-Krise zur nachhaltigen Entwicklung

Wie wird sich die Rolle der Hochschulen nach der Corona-Krise verändern? Und was kann hieraus für einen gesellschaftlichen Wandel hin zu einer nachhaltigen Entwicklung entstehen? Mit diesen Fragen hat sich die Auftaktveranstaltung der neuen Online-Dialog-Reihe „Wissen in Bewegung“ beschäftigt, die unter Leitung des Teams von "Mensch in Bewegung" an der KU gemeinsam mit weiteren Partnern ausgerichtet wird. Das Dialogforum ist ein neues Angebot, das im Kontext der bundesweiten Arbeitsgruppe „Hochschule der Zukunft“ des globalen u.lab 2.x-Programms am Presencing Institut des Massachusetts-Institut für Technologie (MIT) entstanden ist. Gesprächspartner des ersten Dialogforums war der renommierte Nachhaltigkeitsforscher Prof. Dr. Uwe Schneidewind.
Schneidewind, der aktuell noch Präsident und Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie ist, gehört zu den Transformationspionieren in Deutschland. Seine wissenschaftlichen Arbeiten haben die Debatten rund um eine nachhaltige Entwicklung in den vergangenen zwei Jahrzehnten bundesweit mitbestimmt. Zum Auftakt der Dialogreihe diskutierte er mit rund 60 Teilnehmenden, wie die aktuellen Erfahrungen während der Corona-Pandemie auch zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung beitragen können.

Zur Eröffnung stellte Prof. Dr. Wolfgang Stark (Universität Duisburg-Essen) als Mitinitiator der Reihe heraus: „Wir erleben jetzt eine massive gesellschaftliche Veränderung. Dies wirft die Frage auf: Wie verändern sich Lernen und die Universitäten aktuell?“ In seiner Antwort betonte Schneidewind: „Wir werden künftig völlig anders über Veränderung nachdenken. In der Klimadebatte wurde lange Zeit betont, was alles nicht geht. Jetzt sind viele Dinge möglich. Das zeigt auch, wie viel Veränderungspotenzial in unserer Gesellschaft steckt.“

Prof. Dr. Uwe Schneidewind

erster Gesprächspartner des neuen Dialog-Forums "Wissen in Bewegung"

Potenziale für eine gesellschaftliche Veränderung erkannte der Präsident des Wuppertal Instituts nicht nur in der Krise, sondern auch in den Künsten: Transformationsprozesse seien im Kern immer kulturelle Veränderungsprozesse. Im Zentrum seines letzten Buches „Die Große Transformation“, so Schneidewind, stehe daher der Begriff der „Zukunftskunst“. Gerade die Kunst verfüge über ein wertvolles Reservoir an Vorstellungen und Ansätzen, um Prozesse gesellschaftlicher Veränderung zu gestalten. In der Diskussion stellte er aber auch heraus, wie wichtig die ermöglichende Kraft von Strukturen sei. Eine nachhaltige Entwicklung benötige beides: Möglichkeitssinn und Transformationshandwerk.

In den anschließenden Arbeitsgruppen griffen die Teilnehmenden des Dialogforums unterschiedliche Aspekte der Einführung auf: So betonten sie etwa, dass sie das tatsächliche Ausmaß der Globalisierung, wie es sich aktuell in der Pandemie zeige, überrascht habe. Umgekehrt stärke die jetzige Situation die Hoffnung auf ein Mehr an Regionalität und ein neues Verhältnis zur Natur. Wichtig hierfür sei aber die Frage, wie die Erfahrungen aus der aktuellen Situation, die mit einer starken gesundheitlichen Gefährdung der Bevölkerung und mit der Einschränkung von Grundrechten einhergehe, in die Zeit nach der Pandemie übertragen werden könne.

Schneidewind selbst feierte noch am gleichen Tag im Anschluss an das Dialogforum seinen Abschied vom Wuppertal Institut. Ab Mai wird er für das Amt des Oberbürgermeisters in der Stadt Wuppertal kandidieren. Damit sei auch der Gedanke verbunden, Ansätze zur nachhaltigen Entwicklung, wie er sie in der Forschung entwickelt habe, künftig womöglich stärker in der Kommunalpolitik wirksam werden zu lassen.

Die Online-Dialogreihe „Wissen in Bewegung“ wird im Rahmen der Bund-Länder-Initiative „Innovative Hochschule“ an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt in Kooperation mit der Arbeitsgruppe „Hochschule der Zukunft“ und dem Steinbeis-Transferzentrum „Innovation and Sustainable Leadership“ (ISL) umgesetzt. Die Reihe dient u.a. zur Vorbereitung der Jahrestagung des Hochschulnetzwerkes „Bildung durch Verantwortung“ im Oktober 2020 an der Evangelischen Akademie Tutzing.

Am 8. Mai 2020, um 13 Uhr, wird das Dialogforum fortgesetzt mit Thomas Röbke (Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement). Informationen zur Teilnahme finden sich unter http://www.crowdcast.io/e/wissen-in-bewegung.

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Wissen der Praxis ernst nehmen

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Corona-Forum: Der Kunsthistoriker Michael F. Zimmermann spricht über die gängige Darstellung des Virus

In Kooperation mit dem Hochschulnetzwerk „Bildung durch Verantwortung“ lädt das Projekt „Mensch in Bewegung“ an der KU derzeit zur Gesprächsreihe „Wissen in Bewegung“ ein. In der jüngsten Runde dieses Dialogforums hat Dr. Thomas Röbke, Geschäftsführer des Landesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement Bayern (LBE) und seit 2016 Vorsitzender des Sprecherrates des Bundesnetzwerks, darüber gesprochen, wie Hochschulen und Zivilgesellschaft zusammenwirken können, um eine zukunftsfähige und lebenswerte Gesellschaft zu gestalten.

Konkrete Potenziale für eine künftige Zusammenarbeit von Hochschulen und Zivilgesellschaft erläuterte Thomas Röbke anhand eines Mehrgenerationen-Hauses: Aus Architektur, Ingenieurwesen oder Sozialwissenschaft sei ein vielfältiges Wissen verfügbar. Allerdings genüge dies nicht, so Röbke, um zu tragfähigen Ergebnissen in der Praxis zu kommen. Es brauche eine stärkere Vernetzung der Fachdiskurse und eine „existenzielle Befassung“ mit dem verfügbaren Wissen, um dieses praktisch nutzbar zu machen. Auch müsse Erfahrungswissen stärker eingebunden werden: „Das Wissen, das die Praxis generiert, wird von der Wissenschaft noch viel zu wenig in seiner Werthaftigkeit wahrgenommen.“ So genannte Reallabore, in denen Forschende und Praxispartner zusammenarbeiten, könnten eine „gemeinsame Baustelle“ sein, um die verschiedenen Wissensformen zu verschränken.

Röbke betonte im Gespräch auch, welche Bedeutung der Zivilgesellschaft zukomme: In der Bundesrepublik habe sich – trotz teilweise gegenläufiger Tendenzen – über Jahrzehnte eine stabile demokratische Öffentlichkeit entwickelt. In anderen europäischen Ländern dagegen würden öffentliche Räume aktuell auch verstärkt beschnitten. Gerade in Krisen zeige sich die Bedeutung der zivilgesellschaftlichen Solidarität besonders deutlich: „Nicht nur während der Corona-Pandemie, auch während der Flutkatastrophe oder der Flüchtlingssituation haben wir gesehen, was bürgerschaftliches Engagement leistet. Das ist bei den Entscheidungsträgern angekommen. Deshalb sprechen wir heute über Engagement-Politik.“ Angesichts der aktuellen Einschränkungen des öffentlichen Lebens stellte er aber auch heraus: „Auch jetzt muss man über die Maßnahmen der Bundesregierung diskutieren können. Die Grundrechte und der zivilgesellschaftliche Diskurs dürfen in Zeiten einer Pandemie nicht ausgesetzt sein.“

Thomas Röbke studierte in den 1970er Jahren Politische Wissenschaften, Soziologie und Neuere Geschichte in Nürnberg. Seine eigene Biographie beschrieb er im Gespräch als spannungsvoll. So habe sich seine Tätigkeit stets zwischen den Polen gesellschaftliches Engagement und wissenschaftliche Distanzierung bewegt. Zwar habe er zu seiner Studienzeit eine stark politisierte Universität erlebt, geprägt vor allem durch studentische Initiativen. Allerdings habe sich das gesellschaftliche Engagement zu dieser Zeit bereits auf dem Rückzug befunden. Röbke engagierte sich in Folge in der Bewegung „Kultur für alle“, die neue Räume für die Öffentlichkeit forderte, um Kunstwerke für viel mehr Menschen zugänglich zu machen. Seine Doktorarbeit schrieb er über ein selbstverwaltetes Jugendzentrum in Nürnberg, wovon er noch heute sagt, dass ihn die Struktur der Basisdemokratie sehr fasziniert habe. „Ich war immer ein politisch engagierter Mensch – aber gleichzeitig als Wissenschaftler in der Situation, mich zu distanzieren.“

Die Online-Dialogreihe „Wissen in Bewegung“ wird im Rahmen der Bund-Länder-Initiative „Innovative Hochschule“ an der KU in Kooperation mit der Arbeitsgruppe „Hochschule der Zukunft“ und dem Steinbeis-Transferzentrum „Innovation and Sustainable Leadership“ (ISL) umgesetzt. Die Reihe dient u.a. zur Vorbereitung der Jahrestagung des Hochschulnetzwerkes „Bildung durch Verantwortung“ im Oktober 2020 an der Evangelischen Akademie Tutzing.

Dr. Thomas Röbke
Dr. Thomas Röbke

Geschäftsführer des Landesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement Bayern (LBE) und Vorsitzender des Sprecherrates des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement

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Corona-Forum: Der Kunsthistoriker Michael F. Zimmermann spricht über die gängige Darstellung des Virus

Herr Zimmermann, die Bilder des Corona-Virus sind in den Medien omnipräsent. Wie nehmen Sie als Experte für Kunstgeschichte und visuelle Kultur das Virus wahr?
Michael F. Zimmermann: Ein Wissenschaftsbild, ein Bild unter dem Mikroskop, muss immer gefärbt, stilisiert, auch geschönt werden, damit man überhaupt etwas sieht. Das ist seit dem Bazillus Koch so, dem Tuberkulose-Bazillus, das Robert Koch 1882 entdeckt hat. Das Corona-Virus sehen wir gelegentlich zwar auch in matten Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Elektronenmikroskop. Zumeist aber wird es als rundes „Krönchen“ visualisiert – eher wie ein Medi-Ball beim Yoga. Eine schöne Form, die immer wieder und überall als ihr eigenes Logo erscheint. Das gilt übrigens auch für den Namen „Corona“. Andere Namen sind weit weniger schön. Zum Beispiel Sars: Schweres akutes respiratorisches Syndrom. Wir leben also mit einer schrecklichen Bedrohung, die wir uns zugleich in schönen Symbolen vergegenwärtigen.

Ein Begräbnis in Ornans

Das Gemälde "Ein Begräbnis in Ornans" von Gustave Courbet aus dem Jahr 1849/50 zeigt eine Beerdigung auf dem neuen Friedhof vor der Stadt. Weil Friedhöfe direkt an Kirchen als Quelle von Infektionen galten, wurden sie vielerorts verlagert. Der Kunsthistoriker Michael F. Zimmermann von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sieht darin auch ein Zeichen für die auch heute übliche "Verdrängung des Todes".

Das Corona-Virus ist zwar eine neue Krankheit, wir werden dadurch aber auch an frühere Ereignisse erinnert. Inwiefern sind diese für die Wahrnehmung des Virus relevant?
Zimmermann: Wie wir wissen, stand das Sars-Virus am Anfang. In den Jahren 2002 und 2003 gab es die erste große Sars-Epidemie, die von einer südchinesischen Provinz ausging. 2009 verbreitete sich die Schweinegrippe. Auch damals gab es schon Desinfektionsspender in öffentlichen Toiletten. 2012 folgte Mers. 2013 dann die Vogelgrippe H7N9. Seit Ende 2019 sind wir mit Covid 19 konfrontiert. Diese Geschichte hat auch Stereotype hervorgebracht, mit denen wir umgehen müssen. Südchina und der asiatische Raum spielen dabei eine Rolle – eher als unsere Lebensweise, durch die wir selbst zur Entstehung und Verbreitung immer neuer Krankheitserreger beitragen. Das „schöne Icon“ aber, das begegnet uns erst seit der neuen Welle.

Die Berichte aus der italienischen Stadt Bergamo haben uns auch Bilder von Krankheit und Tod gezeigt. Wie ist man in der Vergangenheit mit solchen Bildern umgegangen?
Zimmermann: Als kritische Journalisten Bilder von Leichensäcken aus China gepostet haben, wurden sie dafür weggesperrt. Das hat hierzulande viele zu Recht aufgeregt. Aber haben wir solche Bilder auch bei uns gesehen? Gezeigt wird mal ein Krankenwagen oder eine zur Krankenstation umfunktionierte Halle, sonst aber wenig. Das passt in eine Geschichte der Verdrängung des Todes. In mittelalterlichen Kirchen sieht man noch viele Grabmale. Seit der Französischen Revolution und dem Übergang zum 19. Jahrhundert verschwanden diese jedoch. Begräbnisse in Kirchen, aber auch Friedhöfe direkt an den Kirchen wurden seither als Quelle von Infektionen betrachtet. Die großen Friedhöfe wurden daher an die Stadtränder verlegt. Darauf hat schon der französische Philosoph Michel Foucault verwiesen und solche anderen Orte außerhalb der Gesellschaft als „Heterotopien“ bezeichnet. Gustave Courbet hat in einem großen Gemälde mit dem Titel „Ein Begräbnis in Ornans“ aus dem Jahr 1849/50 das erste Begräbnis auf einem solchen neuen Friedhof vor der Stadt dargestellt.

Gilt ein solcher Umgang mit dem Tod auch noch für die Gegenwart?
Zimmermann: Die Darstellung des Todes kehrt auch wieder – wie Thomas Macho und Kristin Marek 2007 dargelegt haben. Man erfindet alternative Begräbnisstätten und -rituale. Die neuen Formen der Vergegenwärtigung erscheinen aber in einer verfeinerten Form. Der Präsenz des Todes folgt die Sublimierung auf den Fuß. Viele junge Menschen habe noch niemals eine tote Person gesehen. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, die aktuelle Omnipräsenz des „schönen Virus“ als eine fast ultimative Form der Verschönerung des Schrecklichen zu betrachten.

Liegt es auch in der Verantwortung der Medien, mit diesen Bildern angemessen umzugehen?
Zimmermann: Erinnerungen und Erinnerungskulturen, so ein erstes Stichwort, sind etwas gesellschaftlich Geteiltes. Sie wachsen uns nicht zu, sondern wir müssen uns darum bemühen. Das entscheidende, zweite Stichwort lautet: Psycho-Ökonomie. Wir sind verantwortlich, nicht nur dafür, wie wir selbst emotional mit der aktuellen Herausforderung umgehen. Sondern auch für die gemeinschaftlichen Räume, für geteilte Erinnerungen und für eine emotionale Kultur jenseits der allgegenwärtigen Erregungsbewirt-schaftung. Dieser geteilten Verantwortung sollten wir gerecht werden. Mit dem, was geschrieben und gezeigt wird, müssen wir alle leben können.

Prof. Dr. Michael F. Zimmermann
Prof. Dr. Michael F. Zimmermann

Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät. Lehrstuhl für Kunstgeschichte.

Sie sprechen auch in ihren Seminaren über das Thema Erinnerungskultur. Sind Lehrveranstaltungen mit Studierenden derzeit denn überhaupt möglich?
Zimmermann: Ja, das Thema Erinnerungskulturen behandeln wir aktuell in einem Seminar. Dabei geht es um Prag als Ort immer wieder neu gewonnener Erinnerung. Das Seminar findet jetzt natürlich nicht an der Universität, sondern digital statt – über eine Videokonferenz. Es ist durchaus ein anderes Erleben, wenn man sich nicht mit allen Studierenden in einem Raum befindet. Stattdessen fügen sich am Bildschirm eher zahlreiche Einzelbegegnungen zu einer distanzierteren und zugleich doch intimeren Gruppe zusammen. Auch eine Exkursion nach Prag, die schon lange geplant war, findet nun online statt.

Wie kann man sich eine solche virtuelle Exkursion denn vorstellen?
Zimmermann: Regulär hätten wir uns bei der Exkursion an einem Stadtplan orientiert, um nachzuvollziehen, wie Prag ursprünglich aus vier einzelnen Städten zusammengewachsen ist. Da die Exkursion nun virtuell stattfindet, bilden die Geschichten der Stadt den Ausgangspunkt. Die städtische Wirklichkeit wird aus der Perspektive der Erinnerungskultur erkundet. Öffentliche Plätze werden hierdurch etwa als Orte der politischen Aushandlung erfahrbar, wenn es zum Beispiel um die Aufstellung von Denkmälern oder um die Umbenennungen von Straßen und Plätzen geht. Vielleicht stärker als vor Ort wird deutlich: Nicht nur der Mensch macht die Geschichte und Geschichten – die Geschichte und die Erzählungen machen immer auch die Menschen.

Das Gespräch führte Thomas Metten.

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